Pics or it didn’t happen

Der Sturm aufs Kapitol in Washington als Social-Media-Ereignis

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Screenshot von Donald Trumps gesperrtem Twitter-Account (9. Januar 2021).

“The revolution will not be televised.” Gil Scott-Heron schrieb den Text 1970. Ihm ging es um die Gleichberechtigung schwarzer Menschen und den Kampf gegen Rassismus: “Black people will be in the streets looking for a brighter day.” Sein Text/Lied/Gedicht endet mit dem Satz “The revolution will be live”.

Die Revolution läuft nicht als Wiederholung im Abendfernsehen. Wenn aber der aufgebrachte weiße Mob das US-Kapitol stürmt, läuft das live auf Instagram, YouTube, Reddit, Facebook, Twitter, kleineren Plattformen wie Parler, Dlive und natürlich auch im Live-TV.

Eine der häufigeren Beobachtungen beim Sturm auf den Sitz der amerikanischen Parlamente am 6. Januar 2021 war, dass die Eindringlinge ständig am Filmen, Fotografieren und Livestreamen waren. “They are doing it for the ‘gram” — sie machen das für Instagram.

Warum? Eine Antwort lieferte Elise Thomas (@elisethoma5) auf Twitter: “At least in their minds, the true seat of power is not actually in that building. It’s online.” Die wahre Macht liege nicht im Parlamentsgebäude, sondern online.

“Pics or it didn’t happen” hieß es früher im Netz, wenn jemand eine unwahrscheinliche Geschichte erzählte, die mehr Belege brauchte. Wenn du es nicht fotografiert hast, ist es nicht passiert. Die Kapitol-Besetzer haben diesen alten Spruch längst verinnerlicht. Ohne die Dokumentation auf ihren Social-Media-Kanälen wäre das alles nur halb so echt gewesen.

Reichweite ist Macht? Niemand hat das so sehr verkörpert wie Donald Trump, der mit seinen 80 Millionen Twitter-Followern auf dem Kurznachrichtendienst die Welt bewegen konnte — und zwar unmittelbarer als über die offiziellen Kanäle, die ihm als Präsident der USA zur Verfügung standen.

Reichweite + Gewalt = Macht

Aber Reichweite allein ist nicht Macht. Reichweite macht Meinung, auf dieser Grundlage arbeiten Medien schon sehr lange. Echte Macht bedeutet allerdings, die Realität des gemeinsamen Zusammenlebens verändern zu können. Das ist immer an zwei Dinge gebunden: Den Willen der meisten Menschen, sich an beschlossene Regeln zu halten, und die Möglichkeit, diese Regeln durchzusetzen, bis hin zu physischer Gewalt. Der moderne Staat erhält sich diese Macht letztlich dadurch, dass er ein Gewaltmonopol hält und notfalls durchsetzt.

Der Sturm auf das US-Kapitol hat gezeigt, dass in den USA sehr viele Menschen eine andere Lebensrealität wollen als sie von ihren Volksvertretern umgesetzt sehen — und fürchterlicherweise ist das eine, in der weiße Menschen weiterhin eine Vormachtstellung haben, die ihnen mindestens Sicherheit und Angstfreiheit auf Kosten nicht-weißer Menschen garantiert. Der kommende US-Präsident Joe Biden hat Recht: Wären die Angreifer aufs Kapitol nicht weiße Menschen gewesen, hätte es mehr als fünf Tote gegeben.

Es ist außerdem ein Problem für eine freie und gleiche Gesellschaft, wenn Vertreter des Staates das Gewaltmonopol bei einem Angriff auf das Parlament deutlich lascher handhaben als bei Demonstrationen gegen ungesühnte Morde an schwarzen Menschen.

Donald Trumps Macht bestand am 6. Januar 2021 nicht darin, der “mächtigste Mann der Welt” zu sein. Sie lag darin, mit einer Rhetorik wie ein Mafia-Boss Tausende zum Aufstand gegen die Demokratie zu motivieren.

Um diese Macht zur Gewalt einzuschränken, hat Twitter Donald Trump inzwischen von seiner Plattform verbannt, ebenso wie Reddit das Board r/DonaldTrump gelöscht und Facebook den Noch-Präsidenten von Facebook und Instagram vorläufig ausgeschlossen hat (Twitter, Reddit, Facebook). Google hat die von Rechtsextremen gern genutzte Diskussions-Plattform “Parler” aus dem Playstore entfernt (Quelle).

Natürlich wird darüber die Diskussion über Meinungsfreiheit, Regulierung und Verantwortung der Plattformen in den nächsten Wochen weiter intensiv geführt werden. Für mich sind zwei Dinge dabei aber klar: Der Noch-US-Präsident hat zum gewaltsamen Aufruhr aufgerufen, und keine Plattform dieser Welt muss einen solchen Aufruf durch ihre Nutzer:innen dulden.

Was da am 6. Januar in Washington passiert ist, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Tagen vor der Amtseinführung von Joe Biden wiederholen, wenn nicht sogar direkt am 20. Januar. Es bleibt die Hoffnung, dass die Verantwortlichen in den Sicherheitsbehörden diesmal die Gefahr vorher ernst nehmen, um die weitere Eskalation schon im Entstehen zu verhindern und damit auch weitere Tote zu verhindern.

Es wird noch viel gedacht und geschrieben werden zu diesem außerordentlichen 6. Januar. Einige erste gute Analysen gibt es schon, drei davon empfehle ich hier zum Weiterlesen.

Die Aufständischen und Terroristen auf dem Kapitol in Washington…

… haben sich im Netz radikalisiert, und zwar nicht (nur) auf “versteckten” Plattformen, sondern auch auf Facebook, Reddit, Instagram, Twitter und YouTube, erläutert Ann Cathrin Riedel (folgt ihr auf Twitter) für die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung.

…waren keineswegs eine Gruppe verkleideter, opportunistischer Nationalisten, sondern ernstzunehmende Rechtsterroristen, die die US-amerikanische Demokratie gewaltsam umstürzen wollten, indem sie Spitzenpolitiker als Geiseln nehmen oder töten wollten, analysiert Dan Kois auf Slate (englisch).

…haben mit Livestreams vom Angriff auf das Kapitol Geld verdient, zeigen Kellen Browning und Taylor Lorenz in der New York Times (englisch).

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