Nein, es geht nicht um katholische Gottesdienste, sondern um Zahlen

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In der Kirche sind Ziele nicht immer ganz scharf definiert. Foto: Ricardo Arce on Unsplash

as haben Pfarrer:innen und Journalist:innen gemeinsam? Ihre Arbeit hat keinen unmittelbaren Einfluss auf das Betriebsergebnis. In den Medienverlagen hat die Corona-Krise das schlaglichtartig gezeigt. Eine globale Krise erfasst die Welt, die Fehlinformationen nehmen zu, die Arbeit der Profis ist gefragt, die Klicks auf die Webseiten steigen und alle Menschen suchen nach verlässlicher Recherche —aber die Verlage schicken ausgerechnet die Journalist:innen in Kurzarbeit.

Die Süddeutsche hat es im April hier aufgeschrieben. Es gab Kurzarbeit bei FAZ, Spiegel, Zeit, der Funke-Gruppe, der Südwestdeutschen Medien-Holding (zu der auch die SZ gehört) und bei vielen Regionalzeitungen.

Warum sind es ausgerechnet die Journalist:innen, die in Kurzarbeit gehen sollen, wenn die Anzeigenerlöse sinken? Weil sie — im Gegensatz zu den Anzeigenberater:innen — keine Umsätze generieren. Das hat auch seine Richtigkeit. Durch die Trennung von Redaktion und Anzeigen bleibt die redaktionelle Unabhängigkeit der Journalist:innen erhalten, damit sie ihre Berichterstattung genau nicht daran orientieren müssen, wofür Leser:innen und Anzeigenkunden bereit sind zu bezahlen.

Das Modell gibt es inzwischen auch anders. Alle journalistischen Projekte, die auf personenbezogenen Plattformen starten, arbeiten mit einem anderen Geschäftsmodell. Von Riffreporter über das Social-Media-Watchblog, Übermedien und Was mit Medien bis zu Gabor Steingarts “Pioneer” gibt es inzwischen zahlreiche Journalist:innen, die sich direkt über ihre Nutzer:innen finanzieren und ihnen damit auch Mitspracherecht einräumen, wozu sie recherchieren sollen. Aber auch sie werden in den seltensten Fällen nach Einzelerfolgen bezahlt. Das Geld kommt in der Regel über Abonnenten, nicht über die Erfolge einzelner Inhalte.

Woran werden Pfarrer:innen gemessen?

Pfarrer:innen in der verfassten Kirche sind noch weiter weg von ihren Unternehmensfinanzen. Wenn sie heute ein Kind taufen, zahlt es in frühestens 17 Jahren Kirchensteuer!

Finanzielle Ziele spielen deshalb für viele Gemeinden keine Rolle. Finanzverwaltung schon, denn Geld kommt ja trotzdem rein. Das ist in freikirchlichen Gemeinden oder beispielsweise der englischen anglikanischen Kirche übrigens anders, die müssen ihre Finanzquellen selbst erschließen. Sei es über Spenden und Kollekten, Vermietungen oder Eintrittsgelder: Irgendwo muss das Geld für die Angestellten und die Arbeit herkommen.

Wofür arbeiten Pfarrer:innen aber, wenn die Kirchensteuer aus dem Meldewesen überwiesen wird? Das müssen sie sich selbst überlegen. Denn Seelenheil allein lässt sich nicht messen. Aber “what gets measured gets done” — was gemessen wird, wird gemacht. Den Satz habe ich von Scott Galloway gelernt. Davon ausgehend sollten sich auch Pfarrer:innen, Kirchengemeinderäte und andere Gemeindegremien überlegen, woran sie ihren Erfolg messen wollen. Dann wissen sie auch, wofür sie arbeiten und was sie jeden Tag tun wollen, um das zu schaffen.

Das können qualitative oder quantitative Ziele sein. Nordkirchenpfarrer Jonas Goebel hat diese (übrigens auch nicht neue) Diskussion neulich wieder angestoßen, indem er seine Ziele bis Ende 2021 auf juhopma.de öffentlich gemacht hat:

* Durchschnittlich mind. 65 Besucher pro Gottesdiensttag (aktuell 44)
* Durchschnittlich mind. 2,25 Euro Kollekte pro GD-Besucher (aktuell 1,74)
* Mieteinnahmen der Gemeinde um mind. 25% erhöhen
* Weniger als 1% Mitgliederverlust pro Jahr (aktuell -2,8%)
* Zufriedenheitsrate unter Mitarbeitern bei mind. 4,0 (aktuell 4,1)
* Haushaltsdefizit nach Rücklagenbildung bei max. 25.000 Euro (aktuelle Info ist nicht öffentlich ;-))
* Mind. 100 aktiv Mitarbeitende in der Gemeinde (aktuell 81)

Ein ambitionierter Plan, aber messbar! Jonas erzählt uns allerdings nicht, was passiert, wenn er mit seiner Gemeinde diese Ziele nicht erreicht. Denn das ist der andere Teil von “was gemessen wird, wird gemacht”: Es funktioniert vor allem, wenn das Nicht-Erreichen von Zielen Konsequenzen hat.

OKRs und KPIs

Im Sales-Bereich ist das sehr einfach. Das volle Gehalt gibt es nur, wenn das Umsatzziel erreicht wird. In unserer kapitalistischen Welt, in der Geld Existenzsicherung und Komfort bedeutet, kann das eine starke Motivation sein.

Wenn diese Motivation nicht da ist — was in Tarifverträgen und Beamtenverhältnissen oft der Fall ist — können Methoden, mit denen Ziele gefunden und gemessen werden, trotzdem helfen. Die Wirtschaft hält Verschiedene bereit, meine Favoriten sind aber zwei: “Key Performance Indicators” und “Objectives and Key Results”.

KPIs sind die Faktoren, die für den Erfolg ausschlaggebend sind. Dazu muss jede Gemeinde erstmal schauen, welche Faktoren das für sie eigentlich sind, und kann dann immer schauen, ob die KPIs in definierten Zeiträumen erreicht werden. OKRs sind langfristiger als KPIs und bestehen aus zwei Teilen: Dem zu erreichenden Ziel und einigen dazu passenden konkreten messbaren Ergebnissen, die in Summe dann das zu erreichende Ziel (Objective) ergeben.

Bei Jonas’ Liste würde ich zumindest fragen, was die Objectives eigentlich sind, denn formuliert hat er sie nicht. Aber immerhin hat er Ziele. Und da gilt dann wieder “was gemessen wird, wird gemacht”: Weil er sich KPIs gegeben hat, wird er auch so arbeiten, dass diese Ziele zuerst erreicht werden. Und damit ist alles, was diesen Zielen dient, wichtiger als die anderen Tätigkeiten. Darüber kann man streiten, aber dann streitet die Gemeinde wenigstens darüber, was für sie eigentlich wichtig ist. Sich dessen zu vergewissern ist immer eine gute Idee.

Dieses Strukturieren, Priorisieren und Evaluieren der eigenen Arbeit kostet Zeit und Energie, die sich nicht sofort auszahlt. Aber auf lange Sicht macht das Sinn, um die Kirche als Ganze und die Gemeinden im Einzelnen nicht willkürlich in eine ungewisse Zukunft laufen zu lassen.

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