Ein digitaler Kirchentag: So gelingt die Transformation

Wie sich der Ökumenische Kirchentag 2021 auch in seiner digitalen Form wie ein Kirchentag anfühlen kann

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Einen digitaleren Kirchentag haben sich auch vor Corona schon viele Menschen gewünscht. Und das geht— wenn man zulässt, was den Kirchentag ausmacht. Photo by Austin Chan on Unsplash

Wie sieht ein Kirchentag unter Corona-Bedingungen aus? Er wird…

“Digitaler, konzentrierter und zugleich so dezentral, dass sich auch viele Gemeinden, Verbände und Freunde des Ökumenischen Kirchentages einbringen können.”

So schreibt es der Ökumenische Kirchentag, nachdem das Präsidium am 16. Dezember entschieden hat, dass der traditionelle Vor-Ort-Kirchentag 2021 nicht möglich sein wird (Pressemitteilung). Der Ökumenische Kirchentag wird also keine Massenveranstaltung in einer mittleren Großstadt sein. Aber wie kann eine digitale Version dieser Veranstaltung aussehen und wie kann sie gut werden, knapp fünf Monate vor dem Eröffnungsgottesdienst?

Für Ideen, wie ein Kirchentag sinnvoll in eine digitale Form transformiert werden kann, ist erstmal wichtig, was einen Kirchentag in normalen Jahren eigentlich ausmacht. Denn ein DEKT, ÖKT oder Katholikentag ist eine zutiefst haptische Veranstaltung. Die Besucher:innen, Helfer:innen und Mitwirkenden nehmen sich fünf Tage aus ihrem normalen Alltag raus und tauchen mit 120.000 anderen Menschen in das Riesenprogramm zwischen Bibelarbeiten und Abendgebeten ein.

Sie leben bei bisher unbekannten Gastgeber:innen oder schlafen in leergeräumten Klassenzimmern. Sie stehen vor Sonnenaufgang auf, um rechtzeitig zur Bibelarbeit von Margot Käßmann in einer Schlange vor Messehalle 2 zu stehen. Sie ertragen die vollsten Straßenbahnen und laufen Kilometer bis in die entlegenste Stadtteilkirche, um Menschen zu treffen, die sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen haben.

Clemens Bittlinger oder Wise Guys, Gospel oder Kirchen-Ska, Mitschwimmen in der Menschenmasse oder ganz besondere Begegnungen zu zweit. Alte Bekannte treffen und neue Freund:innen finden. Kirchentagsschal und Helferhalstuch, abendliche Wein-, Diskussions- und Singerunden bis spät in die Nacht, Pfadfinder:innen überall, Halle überfüllt, Diskussionen, Resolutionen und das Gefühl, als Christenmenschen endlich mal wieder irgendwo in der überwältigenden Mehrheit zu sein: Alles das ist Kirchentag.

Vieles davon wird digital nicht gehen. Überhaupt waren Digitalisierung und Digitalität für den Kirchentag bisher ein “Chancen-und-Risiken”-Thema für Podienreihen, nicht gelebter Alltag. Das wird sich jetzt ändern (müssen). Denn ein Online-Kirchentag geht eben doch.

Kirchentage leben davon, dass jede Besucher:in ihren eigenen Kirchentag erleben kann. Zwar steht jeder Kirchentag unter einem eigenen Motto, aber je nach persönlicher Programmauswahl kommen völlig unterschiedliche inhaltliche Erlebnisse dabei raus.

Zusammengebunden wird das dadurch, dass diese inhaltlichen Erlebnisse im gleichen organisatorischen Rahmen passieren, innerhalb dessen so viel los ist, dass niemand auch nur ansatzweise den ganzen Kirchentag erfahren kann. Das Überwältigende, Zufällige, Vielfältige am Kirchentag macht meiner Meinung nach die erfolgreiche Transformation ins Digitale aus.

Ich würde dem Kirchentag jetzt empfehlen: Macht hoch die Tür und holt alle mit an Bord! Damit sich Kirchentag digital so anfühlt wie Kirchentag analog, müssen Menschen sich das Programm angucken und denken: “So viele tolle Sachen und ich kann sie gar nicht alle mitmachen!”

Alle, die bisher ein Programmangebot oder einen Präsenzstand eingereicht haben, sollten ermutigt werden, das auch als digitale Form zu machen. Menschen in Kirchengemeinden haben in der Pandemie so viele digitale Kompetenzen gesammelt, dass ich ihnen zutraue, die auch für den Kirchentag mitzunehmen. Viele Formate sind zugleich denkbar:

  • jeden Morgen mindestens 20 halbstündige Livestreams von Bibelarbeiten auf YouTube, Facebook, Twitch oder Twitter
  • alle eingereichten Programmideen und Podien als digitale Workshops per Zoom, GoToMeeting, Twitch oder mit jeder anderen Streaming- oder Videokonferenz-Software
  • mehrere Podcasts mit vier oder fünf Folgen, eine für jeden Kirchentagstag, immer morgens veröffentlicht
  • Etherpads und Abstimmungstools zum Sammeln von Rückmeldungen zu Ideen von tausenden Mitdenkenden, z.B. für Resolutionen
  • Ein “Abstimmungs-Nachmittag” am Samstag, an dem alle gesammelten und durchdiskutierten Resolutionen abgestimmt werden
  • Jeden Abend Dutzende Abendgebete von Twomplet bis Livestream
  • YouTube- oder Twitch-Konzerte, übertragen von Bühnen aus Frankfurt
  • Ein “Mainstream”-Live-Kanal für den Kirchentag mit den “offiziellen” Podienreihen aus verschiedenen Orten in Frankfurt, am besten auf der Startseite von YouTube
  • ein oder mehrere Minetest/Minecraft-Server mit einem Fünf-Tage-Bauprojekt
  • Kirchentags-Aktions-Streams in Kooperation mit Twitch-Berühmtheiten
  • interaktive Gottesdienste in allen möglichen Varianten, mit und ohne Online-Abendmahl
  • virtuelle “Präsenzstände”, auf denen sich Menschen über Initiativen, Gruppen oder Firmen informieren können, die die jeweils selbst anbieten

Statt einer Innenstadt füllen die Christ:innen der Republik dann die Plattformen im Netz mit ihrer Präsenz. Optimalerweise kann sich an den Kirchentagstagen niemand im deutschen Facebook, Twitter, Twitch und YouTube bewegen, ohne zu merken: Hey, es ist Kirchentag!

Der vergangene Evangelische Kirchentag in Dortmund hatte 2.000 Veranstaltungen, und noch mehr wurden vorher eingereicht. Selbst wenn für den digitalen Kirchentag nur 20 % davon zusammenkommen, hat der Kirchentag immer noch mindestens 400 Stunden Programm, das die Veranstalter auf drei Tage (Donnerstag, Freitag, Samstag) aufteilen könnten.

Dabei könnte sogar jede:r ihre eigene Plattform und Format mitbringen, und es wäre immer noch in Ordnung, selbst wenn manches davon dann nicht funktioniert. Das ist auch beim Kirchentag vor Ort so: Veranstaltungen fallen aus, sind langweilig, überfüllt oder experimentell. Dann geht man eben woanders hin.

Eines muss der Kirchentag dann allerdings ermöglichen: Alle diese Angebote an einem zentralen Ort sammeln, zeigen, verlinken. So wird das virtuelle Programmheft sozusagen zum Messegelände, auf dem sich die Menschen tummeln, um nach der nächsten Attraktion zu suchen.

Mit einer solchen Fülle an Angeboten bleibt das Anarchische, Zufällige, Vielfältige ein wesentliches Merkmal des Kirchentags. Das bedeutet einen kontrollierten Kontrollverlust, denn wenn drei Tage lang alle ihre eigenen Formate und Umsetzungen mitbringen, hat der Kirchentag weniger Einfluss darauf, was klappt und was nicht. Das ist in Ordnung — auch das ist schließlich ein Merkmal von Digitalität.

Die Kür wäre, wenn der Kirchentag (vielleicht in Zusammenarbeit mit einer der großen Plattformen?) auch noch Möglichkeiten für persönliche Begegnungen schafft, die dem “wir treffen uns an diesem Tag an jenem Ort” auf dem Kirchentag entspricht.

Leider klingen die Planungen bisher so, als wolle der Ökumenische Kirchentag sich auf “einen Samstag mit fokussiertem, digitalen Programm” konzentrieren. Eine zentral gesendete Podienreihe, bei der Besucher:innen einen Kanal einschalten und per Chat ihre Fragen einreichen können, ist aber nicht Kirchentag.

Erst dann, wenn die Vielfalt der Möglichkeiten den Wunsch weckt, mehr zu besuchen als tatsächlich geht, wird sich der digitale Kirchentag nach Kirchentag anfühlen. Noch ist Zeit, dazu aufzurufen und einzuladen — und zuzulassen, dass der Kirchentag dann von allen gestaltet, wilder, experimenteller und etwas ganz Besonderes wird.

Rückmeldungen? Andere Ideen? Themenvorschläge? Immer her damit, hier oder auf Twitter!

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