Die EKD hat jetzt 12 Leitsätze, immer noch kompliziert

Wohin es gehen soll, ist nicht klarer geworden

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Photo by Charlie Deets on Unsplash

Nachdem die 11 Leitsätze des Z-Teams der EKD intensiv öffentlich diskutiert wurden, hat das Team zur kommenden EKD-Synode eine überarbeitete Fassung vorgelegt. Es sind jetzt 12 Leitsätze, aber sie haben nicht an Klarheit gewonnen.

Drei Dinge sind mir bei der ersten Betrachtung aufgefallen:

Erstens: Das Bild von “Kirche als Netzwerk” ist in der Einleitung dazugekommen, was ich sehr begrüße. Denn in einem Netzwerk hängen alle mit allen zusammen, trotz ihrer Unterschiede, und jede:r kann von anderen unterstützt werden, wie es gerade passt. Diese Flexibilität und Bewegung tut Kirche gut.

Zweitens sind mehr Erläuterungen dazugekommen, was die Leitsätze sein sollen, und wer im Z-Team daran mitgeschrieben hat. Das ist nicht banal: Wie die EKD ihre Papiere erarbeitet, ist selbst für Menschen mit Institutionenwissen nicht immer klar. Es ist gut, diese Transparenz von vornherein zu schaffen. Bei der ersten Fassung hat die EKD das nachträglich noch korrigiert, jetzt ist es gleich mit dabei.

Und drittens: Die Sprache ist leider nicht einfacher geworden. Gerade am Reformationstag, an dem ich die neue Fassung gelesen habe, hätte ich mir eine Thesenform gewünscht, die einen schnellen Überblick ermöglicht. Eine solche Verkürzung reduziert auf der einen Seite die Komplexität, die die Verfasser:innen eigentlich wollen. Auf der anderen Seite macht sie deutlich klarer, wo der Fokus der Diskussion eigentlich liegen soll. Die 12 Leitsätze sind als Diskussionsgrundlage für die Gespräche über die zukünftige Kirche gedacht, auch auf der Synode.

Da wären 12 knackige Thesen, an denen man sich richtig abarbeiten kann, besser geeignet, gerade wenn die Leitsätze kein Ergebnis vorwegnehmen sollen. Denn die Antwort auf “Was wollten mir die Verfasser:innen eigentlich sagen?” erschließt sich aus der vorliegenden Form nicht sehr gut.

Zusammenfassung in 12 Sätzen

Als Experiment habe ich aus den Abschnitten zusätzlich zu den Kapitelüberschriften jeweils einen Satz rausgesucht, der meiner Lesart nach die Kernthese vertritt, was laut den Leitsätzen eine evangelische Kirche der Zukunft tun sollte.

  1. Frömmigkeit — ”Wir leben, was wir glauben”: Es wird wichtiger, dass wir unseren Glauben im Tun und Reden öffentlich sichtbar bezeugen.
  2. Seelsorge — ”Wir begleiten Menschen”: Seelsorge nimmt die Erwartungen von Mitgliedern und Nichtmitgliedern auf, dass die Kirche in den Notfällen des Lebens verlässlich da ist.
  3. Öffentlichkeit — ”Wir sagen, wovon wir leben”: Weil die Kenntnis der großen Erzählungen der Bibel schwindet, werden wir in Zukunft genauer erklären, wie unser Engagement mit der biblischen Tradition zusammenhängt und wie unsere Positionen im Evangelium begründet sind.
  4. Mission — ”Wir bezeugen Gott in der Welt”: Wir laden andere ein, mit uns gemeinsam der Christusbindung, der Geistverheißung und dem Liebesgebot im Leben Raum zu geben.
  5. Ökumene — ”Wir stärken die Ökumene”: Wir wollen eine „Einheit in Vielfalt“, die eucharistische Gastfreundschaft zulässt und individuelle Gewissensentscheidungen respektiert.
  6. Digitalisierung — ”Wir wollen digitale Kirche werden”: Wir setzen digitale Lösungen ein, um Menschen besser zusammenzubringen und zu erreichen, aber auch um als Kirche besser und leichter erreichbar zu sein.
  7. Kirchenentwicklung — ”Wir bauen Gemeinde”: Der Wohnort wird aber zukünftig nicht mehr das einzige Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde sein.
  8. Zugehörigkeit — ”Wir wollen, dass Menschen dazugehören”: Wir möchten mehr Räume eröffnen, in denen sich auch diejenigen heimisch fühlen können, die sich flexibel und auf Zeit beteiligen möchten.
  9. Mitarbeitende — ”Wir fördern Mitarbeit”: Wir werden vielmehr bei den Aufgaben Prioritäten setzen und offen diskutieren, wer in Zukunft welche Verantwortlichkeiten haben soll.
  10. Leitung — ”Wir entscheiden verantwortlich”: Angesichts der Wucht der anstehenden Aufgaben können Entscheidungen nicht dem Selbsterhaltungsinteresse von Teilbereichen dienen.
  11. Strukturen — ”Wir bewegen uns”: Die Zahl der Verwaltungsvorgänge und Genehmigungsvorbehalte muss reduziert werden; dafür soll es mehr individuelle Entscheidungsfreiräume geben.
  12. EKD und Landeskirchen — ”Wir alle sind EKD”: Wichtig ist, dass zukünftig dieselbe Aufgabe jeweils nur noch einmal gemacht wird – und dafür gut.

Kirchensprache bleibt ein Hindernis

Was sagt uns das jetzt? Ich habe bei der Suche nach aussagekräftigen Sätzen in den Leitsätzen gemerkt: Es sind nicht 12, sondern mindestens 30. In den einzelnen Abschnitten steckt noch so viel mehr drin, dass jeder als Thema für eine ganze EKD-Synode dienen könnte. Vielleicht wäre die 95-Thesen-Form doch besser gewesen, um die Nuancierung dann der Diskussion zu überlassen.

Die verschwurbeltsten Abschnitte sind die beiden zu Mission und Ökumene, weil da die verklausulierte Kirchensprache am stärksten durchkommt.

Der Abschnitt zu Digitalisierung ist so vollgepackt, dass er dem Thema am wenigsten gerecht wird. Hier hat die Zusammenfassung in einem Satz am schlechtesten funktioniert, weil fünf Themen angerissen werden, die alle eigene Thesen bräuchten: Online- und hybride Formen für Spiritualität; Schulung aller Mitarbeiter:innen & technische Voraussetzungen; digitale Medien & Kirchenkommunikation; digitale Verwaltung; und Reflexion der Folgen von Digitalität.

Auch beim Thema “Zugehörigkeit” springen die Autor:innen sehr. Denn die drei Themen dort kann man zwar unter dem Titel zusammenfassen, sie berühren aber völlig unterschiedliche Handlungsbereiche: Alle dürfen mitmachen, auch ohne Taufe; wie zeigen wir Getauften besser, in welcher Kirche sie sind; und wie verhindern wir, dass junge Menschen mit dem ersten Gehalt austreten?

Mehr Klarheit macht Diskussionen konstruktiver

Insgesamt hat die Überarbeitung nicht klarer gemacht, wo die 12 Leitsätze die Diskussion um Kirchenzukunft eigentlich beginnen wollen. Die erste Variante, als es noch 11 Leitsätze waren, habe ich als “Fehdehandschuh gegen die Behördenkirche” gelesen. Das ist immer noch drin, aber meinem Gefühl nach abgeschwächt zugunsten von mehr “einerseits — andererseits”. Eine Synopse zur ersten Fassung oder Versionierung wäre gut gewesen, um diese Anpassungen zu zeigen, ich habe aber (noch) keine gefunden.

Am Ende bleiben die großen Linien, die wir schon kennen:

  • Kirche wird weniger Geld haben
  • Doppelstrukturen sollen abgebaut werden, vor allem bei Landeskirchen und EKD
  • Verwaltung muss effizienter werden
  • Gemeinde heißt mehr als nur Ortsgemeinde um den Kirchturm herum
  • Abendmahl für alle ist für Protestanten kein Problem
  • Menschen in der Kirche müssen besser und häufiger sagen, was ihre Alltagsarbeit mit dem Evangelium zu tun hat
  • Kirche muss zeigen, wo sie Menschen hilft, und das auch wirklich tun
  • Ehrenamtliche sind wichtig für die Kirche vor Ort und dürfen mehr Verantwortung übertragen bekommen

Wie sich die Evangelische Kirche dadurch verändern könnte, steht in den Leitsätzen zwar drin. Wer möchte, kann da sehr viel rauslesen. Allerdings gut protestantisch auch in (fast) jede Richtung.

Deshalb ist die anschließende Diskussion eigentlich falsch herum. Denn es wird darum gehen, aus den Nuancen in der Vorlage eine klare Aussage zu destillieren. Diskussionen sind meine Erfahrung nach aber konstruktiver, wenn sie erst über eine Grundaussage geführt werden und sich die Nuancierung zum gemeinsamen Verständnis daraus ergibt.

Mit der aktuellen Form der 12 Leitsätze der EKD für eine “Kirche auf gutem Grund” muss jeder Diskussionsbeitrag erstmal mit einer Erläuterung der Interpretation des Absatzes beginnen, auf den er sich bezieht.

Die Klarheit und Kraft des Wortes, die in einer Überarbeitung der ersten Fassung drin gewesen wären, fehlt immer noch. Und das ist schade.

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