Wie schiebt Corona die Kirchen weiter in Richtung Digitalisierung?

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Werbeposter der Vereinten Nationen für mehr Hygiene gegen Covid-19. (Foto: United Nations/Unsplash)

Was macht die Corona-Krise mit der Verkündigung des Evangeliums? Dazu hat die Evangelischen Arbeitsstelle midi Mitte Juni eine Ad-Hoc-Studie erstellt (hier die entsprechende EKD-Seite, hier das PDF). Bei der Lektüre sind mir vier Ergebnisse besonders aufgefallen, die ich hier diskutieren will.

Niederschwelligkeit

78 % der antwortenden Gemeinden, Kirchenkreise und anderen Träger hatten vor der Corona-Krise keine digitalen Verkündigungsformate, jetzt haben sie welche und wollen sie zumeist auch behalten. Drei Viertel (73,8 %) haben aus der Corona-Isolation digitale (oder digitalisierte) Gottesdienste gemacht, aber absolut am häufigsten kamen digitale Andachten und andachtsähnliche Formate dazu.

Der Digitalisierungsschub in der evangelischen Kirche ist — so eines der zentralen Ergebnisse der Ad-hoc-Studie — nachhaltiger Natur: zum einen gaben 72 % der Teilnehmenden an, nach dem Lockdown die digitalen Verkündigungsformate fortzuführen. Zum anderen gaben 75 % der Teilnehmenden an, dies zu tun, obgleich sie vor der Covid-19-Pandemie keine digitalen Verkündigungsformate angeboten hatten.

Und etwas weiter in der Studie:

[S]tatt den analogen Gottesdienst 1:1 ins Digitale zu transformieren, rückten kürzere Formate der Verkündigung offenbar verstärkt in den Fokus.

Viele Pfarrer:innen haben sich Gedanken gemacht, wie der Gottesdienst als Form online anders funktionieren muss. Aber es ist keine Überraschung, dass andere Formen viel häufiger und öfter umgesetzt wurden. Denn digital sind niederschwellige Formen einfacher und schneller als offline zu machen.

Ein niederschwelliges Format in der Kohlenstoffwelt ist genauso viel Arbeit wie ein hochliturgischer Gottesdienst. In allen Fällen muss ich Mitarbeitende suchen, Termin und Ort buchen, Werbung machen, den Ablauf und den Inhalt gestalten. Gottesdienste sind im Zweifel sogar einfacher, weil die Form stärker kodifiziert ist. Die Entscheidung, welches niederschwellige Angebot eine Gemeinde vor Ort erfolgreich anbieten kann, erfordert Wissen, Kreativität und eine gute Form, die erstmal gefunden oder erdacht werden muss.

Die mediale Verkündigung in der niederschwelligen “kurzen Form”, beispielsweise im Social-Media-Post oder im spirituellen Tagesgedanken auf der Gemeindewebseite, ist dagegen weniger aufwändig als die digitale “lange Form”, z.B. ein gestreamter Gottesdienst. Gerade der hat den Aufwand des kohlenstofflichen Gottesdienstes plus die Streaming-Technik und ist damit doppelt komplex. Hybride, gleichzeitige Formate sind aufwändig. Der inhaltliche Anspruch, der Koordinations- und Technikaufwand steigen mit der Länge und Komplexität digitaler Formen medialer Verkündigung in gleichem Maße mit: Kein Format ist so aufwändig wie der ZDF-Fernsehgottesdienst.

Die Pfarrer:innen und Gemeinden, die sich mit Online-Gottesdiensten beschäftigt haben, haben der Studie zufolge offenbar allerdings ihre Webseite vernachlässigt. Vor der Krise hatte die Webseite anteilig die Nase vorn bei der Veröffentlichung von Verkündigungsangeboten (63,6 %), nach dem Corona-Digitalisierungsschub war YouTube der Spitzenreiter (39,6 %) — die Textangebote auf der Webseite nahmen laut Studie um ein Viertel ab.

Die Studie war allerdings auf Verkündigung konzentriert. Es kann sein, dass die Gemeinden ihre textliche Verkündigung durch andere Formate ersetzt haben, beispielsweise durch regelmäßige “Corona-Blogs” (von denen ich einige gesehen habe).

Wenn die Corona-Überforderung sich eingependelt hat, hoffe ich, dass die Gemeinden sich die Zahlen der eigenen Webseite nochmal anschauen und sehen, was vor Corona und während Corona tatsächlich nachgefragt war. Was erfolgreich war, sollte nicht durch die Corona-Verschiebung verdrängt werden. Meine Hoffnung ist, dass alle erfolgreichen Formate auch weiterhin produziert werden, egal ob es sie vor der Corona-Isolation schon gab oder erst dadurch entstanden sind.

Reichweiten in Relation

Mit der steigenden Zahl der Online-Gottesdienste haben erheblich mehr Besucher:innen an den Gottesdiensten teilgenommen bzw. sie sich angeschaut.

Im Ergebnis zeigt sich, dass beim Gottesdienst ein Zuwachs von 287 % zu verzeichnen war, weshalb von einem Nachfrage-Boom gesprochen wird. […] Es ist allein mit Blick auf diese Werte festzustellen, dass die digitalen Verkündigungsformate deutlich mehr Menschen erreichen, als dies bei analogen Verkündigungsformaten der Fall ist. Beim normalen Sonntagsgottesdienst lag der Median bei 425,5.

Ein dauerhafter Besucher-Median von 425,5 Menschen wäre für den kohlenstofflichen Gottesdienst eine Sensation. Man stelle sich vor, “nur” 200 Menschen in der Kirche zu haben wäre ein vergleichsweise kleiner Gottesdienst!

In dem Anstieg von +287 % bei den digitalen Gottesdiensten verglichen mit dem Vor-Corona-Zahlen zeigt sich auch die Niederschwelligkeit des Zugangs. Selbst wenn der Inhalt nicht einfacher wird, ist doch schneller auf einen YouTube-Link geklickt, der an Ort und Zeit meiner Wahl abrufbar ist, als am Sonntagmorgen um 9:30 Uhr aufgestanden, um in die Kirche zu gehen.

Die Studie sagt auch deutlich, dass aus den Zahlen nicht klar wird, wie lange ein Gottesdienstvideo im Schnitt abgelesen wurde. Eine Information, die den Macher:innen übrigens aber zugänglich ist und deren Auswertung in der Folge sehr interessant sein könnte, wie Philipp Greifenstein an anderer Stelle schonmal zwischenrief (ich weiß leider nicht mehr wo, aber folgt ihm einfach auf Twitter, es lohnt sich).

Aber sind Vor-Ort-Gottesdienste der richtige Vergleich? Weil die meisten Menschen im März, April und Mai viel Zeit zuhause verbracht haben, haben alle Online-Streaming-Formate massiv profitiert (außer Microsofts Mixer, aber das ist ja jetzt ohnehin Geschichte). Streams auf Twitch wurden so oft gesehen wie noch nie (3,1 Milliarden Stunden akkumulierte Watchtime, +15%), YouTube Gaming verzeichnete +13% Watchtime, Facebook Gaming +20% (Quelle).

Während für die Offline-Gottesdienstbesuche immer gern der Vergleich mit der Bundesliga gezogen wird —im Sonntagsschnitt: 734.000 Menschen in den EKD-Kirchen (Quelle), 400.000 in der ersten 1. Bundesliga (Quelle) — fehlt uns noch ein guter Vergleich für Online-Streams. Selbst da sind allerdings 300 bis 600 Zuschauer:innen kein schlechter Wert, auch wenn die Spitze natürlich bis in die Millionen geht.

Ich finde die Zahlen erfreulich, aber trotz des großen Anstieges macht das trotzdem nicht mehr als 2 bis 6 % der Kirchenmitglieder aus, die Gottesdienste anschauen oder besuchen. Das kann als Erfolgskriterium nicht ausreichen. Corona hat uns auch noch keine bessere Antwort geliefert, wie die Kirchen ihre Mitglieder tatsächlich erreichen können, als der Alltag vorher. Gottesdienste sind jedenfalls auch online nicht mehrheitsfähig.

Interaktion

39 % der Studienteilnehmer:innen gaben an, dass Interaktion beim Verkündigungsformat möglich war. Für eine Kirche, die sich über das Priestertum aller Gläubigen definiert, finde ich das wenig, wobei das sicherlich auch mit dem zusätzlichen Aufwand zu tun hat, der neben der Streaming-Organisation dann noch dazu kommt.

Mir ist eine Zahl dabei besonders ins Auge gesprungen: Zwar konnten digitale Besucher:innen mehrheitlich (65 %) mitbeten, aber nur in einem Drittel der interaktiven Angebote eigene Gebetsanliegen einbringen.

Dabei sind der Wunsch und die Möglichkeit, gehört und gesehen zu werden, eines der Schlüsselmerkmale der Hierarchie-Verflachung durch Digitalisierungsprozesse. Es ist außerdem der gleiche Wunsch, der hinter dem Gebet an Gott steht. Daher erscheint es mir plausibel, dass das Einbringen eigener Gebetsanliegen ein Standard-Werkzeug für digitale Verkündigung sein sollte. (Streaming-Pioniere wie die Markus-Gemeinde in Wien-Ottakring machten das übrigens schon seit Jahren so.)

Selbst wenn sich von den wenigen, die zuschauen, nur wenige beteiligen, ist die Frage nach der Zwei-Wege-Kommunikation auch in der Verkündigung eine prinzpielle. Da müssen sich online noch neue Selbstverständlichkeiten für das Kirchenbild entwickeln.

Professionelle Unterstützung

Digitale Verkündigung ist eine Teamleistung, und die meisten Gemeinden (65,4 %) haben sich vorhandenes Wissens zu digitaler Produktion in ihrer Gemeinde zunutze gemacht.

So soll es sein und so muss es auch sein, denn obwohl die Hauptamtlichen meistens den Startschuss zur digitalen Verkündigung gegeben haben, müssen Pfarrer:innen nicht alles alleine können. Ich fände es super, wenn alle Pfarrer:innen in allen Kirchen souverän mit Streaming- und Social-Media-Plattformen umgehen könnten, um das für Verkündigung und Seelsorge immer nutzen zu können. Aber sich da Hilfe zu holen, ist immer sinnvoll. Erstens bindet es mehr Menschen in die Gemeindearbeit ein, und zweitens können sich dann alle besser darauf konzentrieren, worin sie gut sind.

In der midi-Studie ging es allerdings nur um Verkündigung. Digitalisierung betrifft aber alle Bereiche des Gemeindelebens. Öffentliche Kommunikation — und nichts anderes ist Verkündigung auf digitalen Kanälen — ist nur ein Aspekt der digital handelnden Gemeinde.

Was ist mit der Digitalisierung in Organisation, Verwaltung und interner Kommunikation? Bei ChurchDesk sehen wir, dass die Nutzung unserer Gemeindewerkzeuge in der Corona-Krise deutlich gestiegen ist. Wer Zeit hat und zuhause ist, kann auf digitalen Wegen auch von da sinnvolle Gemeindearbeit machen, selbst wenn die Gemeinde sich nicht kohlenstofflich treffen darf.

Ich glaube, dass die Corona-Krise nicht nur der Online-Verkündigung einen großen Experimentierschub gegeben hat, sondern auch den grundsätzlichen Nutzen und die Notwendigkeit digitalisierter Organisation aufzeigt. Externe Disruption sorgt für neue Selbstverständlichkeiten: Was vorher gar nicht ging (hallo, Home Office!), wird auf einmal ganz einfach.

Allein die Vielzahl an kirchlichen Zoom-Konferenzen bis hin zur Kirchenkonferenz der EKD macht mir jedenfalls Hoffnung, dass aus der Corona-Not tatsächlich eine Digital-Tugend entsteht.

Wer die Studie selbst lesen will, findet sie hier und in der PDF-Broschüre auch noch einige hilfreiche, datengestützte Links. Dass Daniel Hörsch und die Evangelische Arbeitsstelle midi binnen sechs Wochen diese Ad-Hoc-Studie zu Pixel gebracht haben, ist außerdem an sich eine würdigenswerte Leistung.

Diese Aktualität und Gegenwartsrelevanz wünsche ich mir auch für die EKD-weite Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, die traditionell nur alle 10 Jahre kommt. Deren Ergebnisrelevanz wird spätestens nach zwei Jahren von der Gegenwartsentwicklung überholt. Wir wissen zwar, nach welcher Minute das Kirchenvolk aus dem aktuellsten YouTube-Gottesdienst ausgestiegen ist, aber alle großen Trends überprüfen wir erst wieder, wenn die zuletzt befragten Konfirmanden schon eigene Kinder haben?

Das geht besser.

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